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vatas-sohn
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Sicherheits-Wiki

Mär 2013 31 09:35

Beitrag von vatas-sohn

Allgemeine Sicherheitshinweise!

Um mit dem Kajak auf große Gewässer hinauszufahren bedarf es einiger überlebenswichtiger Grundsätze und einer entsprechenden Ausrüstung. Dieser Tread soll all die Komponenten, welche von den Mitgliedern diskutiert wurden, zusammenfassen- eine Art
"Sicherheits-Wiki"
Die Sicherheitshinweise erheben keine Anspruch auf Vollständigkeit -ein gesundes Bewußtsein des eigenen Tuns ist unabdingbar! Bezugsquellen und Herstellerinfos zu den Sicherheitskomponenten findet ihr zum großen Teil in der Linksammlung!


Nicht gegenständliche Sicherheitskomponenten

- der gesunde Menschenverstand
Dieser sollte vor der Fahrt mit dem Boot eingeschaltet werden! Es sollte genau abgewogen werden, ob die Bedingungen eine Fahrt zulassen, oder ob man sich nicht sicher ist, bzw. es unmöglich scheint. Bei geringestem Zweifel sollte man die Tour lieber unterlassen!

- Rufnummer der Seenotrettung 124124
Diese Nummer sollte sich jeder an Platz eins in seinem wasserdicht, aber unmittelbar zugreifbarem Mobiltelefon einspeichern! Die Festnetznummer (falls die mobile Nummer ausfällt) lautet: 0421- 53 68 70.

- gemeinsame Ausfahrt
Es ist besser -und macht oft auch mehr Spaß!- mit mehreren Gleichgesinnten hinaus zu fahren. So kann man sich helfen oder im Notfall auch schnell Hilfe organisieren.

- Erkundigungen über Wetter, Strömungsverhältnisse und Wassertemperaturen
Es gibt eine große Menge an Seewetterberichten, Strömungskarten und Windkarten im Netz, so daß man seinen Trip vorab vernünftig planen kann. Entscheidend bleiben aber die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort.

Unverzichtbare gegenständliche Sicherheitskomponenten

- Trillerpfeife/ akustischer Signalgeber
Damit kann man besser als durch bloßes Rufen auf sich aufmerksam machen!

- Lifeline
Die Lifeline verbindet den/ die Kapitän/ Kapitäne fest mit dem Boot. Sie dient dazu, daß im Falle des über-Bord-gehens das Boot nicht außer Reichweite der Insassen treiben kann. Nur so ist ein Wiedereinstieg überhaupt möglich!

- Paddelsicherung
Die Paddelsicherung ist eine Leine zwischen Paddel und Boot. Sie verhindert, daß die Antriebsmöglichkeit des Bootes verloren gehen kann. Man bleibt manövrierbar!

- mechanischer Kompass
Wichtig, da auf See, selbst bei sehr schönem Wetter, plötzlich Seenebel aufziehen kann. Innerhalb von Sekunden hat man die Orientierung verloren!

- Schwimm- oder Rettungsweste
Sie verhindert, daß man untergeht! Selbst geübte Schwimmer könnten das Bewußtsein verlieren und dann ertrinken.

- Mobiltelefon mit fest eingespeicherter Notrufnummer
Dieses Telefon sollte geladen, wasserdicht oder wasserdicht verpackt und unmittelbar zugreifbar sein.
Notrufnummer in Deutschland: 124124 oder 0421- 53 68 70
Alternativ dazu: Funkgeräte mit Notruffrequenz bzw. -funktion.

Weitergehende gegenständliche Sicherheitskomponenten

- Trockenanzug/ wasserdichte Bekleidung
Sie verhindert, daß man nach einem über-Bord-gehen naß wird und somit auskühlen kann. Je nach Wassertemperatur dauert die Auskühlung bis zur Bewegungs- bzw. Handlungsunfähigkeit nur Sekunden bis wenige Minuten! Mit trockener Kleidung sind die Chancen um ein Vielfaches höher! Die Kleidung ist unbedingt der Wassertemperatur anzupassen!

- GPS
Ein elektronisches GPS ermöglicht es, die genaue Position festzustellen und somit im Notfall schnell Hilfe zu erhalten. Ein GPS sollte nie alleine benutzt werden da es ausfallen könnte. Deshalb gehört immer ein Kompass zu jedem GPS-Gerät dazu!

- Wurfsack/ Wurfleine
Eine Leine, welche kompakt in einem Sack verpackt ist und fest mit dem Boot verbunden ist. Diese ermöglicht es, eine Leine zu einem Rettungsboot zu werfen, wenn man selbst nicht manövrieren kann oder sonst wie in Not geraten ist.

- Radarreflektor
Ein Radarreflektor ermöglicht es, ein Radarsignal zu reflektieren. Dadurch wird man von Schiffen "gesehen"- also als Punkt auf dem Radar dargestellt.

- Sicherheitsleuchte
Eine Sicherheitsleuchte, meist verbunden mit einem Fähnchen erhöht die Sichtbarkeit des Bootes. Viele Leuchten haben auch eine Seenotfunktion

- funktionierende Taschenlampe
Mit dieser kann man Signale geben und so auf sich aufmerksam machen.

- Seenot Rettungssignale
Es gibt eine Reihe kleiner, aber sehr guter Seenot Rettungssingnale (z.B. Nico-Signal), mit welchen man weithin sichtbar auf sich aufmerksam machen kann. Diese gibt es auch elektrisch als Seenotleuchte. Für pyrotechnische Signale ist ggf. ein Waffenschein nötig.

Leucht- und Rauchsignale
Signal- und/ oder Rauchfackeln (beides Pyrotechnik) sind auch gut geeignet, letztere besonders bei wenig Wind. Für diese ist i.d.R. kein Waffenschein nötig.

-Leuchtstäbe (Knicklichter)
Mit diesen kann man lange im Notfall auf sich aufmerksam machen. Geschwungen an einer 1m Schnur, gibt das einen 2 Meter Leuchtkreis!

- Anker
Hier gibt es verschiedene Ankertypen. Driftanker sind eigentlich keine Anker im herkömmlichen Sinne. Sie vermindern die Drift des Bootes. Als Anker finden meist Flunkenanker (meist s.g. Draggen) in den Gewichtsklassen 750 Gramm bis 1,5 Kg oder reine Gewichtsanker, z.B. Ankerkugeln (diese halten nur durch ihr Gewicht das Boot auf Position) bis 5 Kg Verwendung.

- schwimmfähiges Messer
Mit diesem kann man zur Not Leinen kappen oder sich von etwas freischneiden. Taschenmesser zu klappen eignen sich nur bedingt, da man in der Notsituation erst das Messer ausklappen müßte....

- Erste Hilfe Box
Als nützliches Zubehör kann man auch eine kleine "Erste-Hilfe-Box" mitführen. Ein paar Pflaster (möglichst wasserfeste Pflaster), vielleicht eine kleine Rolle Verbandsmaterial, sowie ein paar Schmerztabletten könnten da drin sein. Das kann man so klein und wasserdicht verpacken, daß es locker in jedem Boot mitgeführt werden kann. Hilft bei Stich- und Schnittverletzungen und dergleichen mehr- und kann unter Umständen den Angeltag retten!

- Auftriebskörper im Boot
Auftriebskörper gibt es in verschiedenen Ausführungen: Als Feststoff (geschlossenporiger Schaum, der also kein Wasser aufnehmen kann) oder als aufblasbare Version (zu finden im Internet unter z.B. Kenterschläuche, Auftriebskörper für Kajak/ Kanu). Diese verhindern im Falle eines Falles das Sinken des Bootes.

Sinnvolles Zubehör

- Trockene Kleidung und Handtuch
Trockene Kleidung, zumindest Unterwäsche und ein trockenes Handtuch können im Fall des Falles auch schon mal den Angeltag retten. Wenn man das alles in einem wasserdichten Beutel (z.B. Ortlieb) oder sogar vakuumverpackt (dann hat man ein kleines Packmaß) bleiben die Sachen bleiben auf jeden Fall trocken.

-Wiedereinstigshilfen
Es gibt diverse Möglichkeiten, nach einer Kenterung oder nach Über-Bord-Gehens wieder ins Boot zu gelangen und das Boot aufzurichten: Strickleiter, Trittschlinge, Paddelflaot, etc.


Diese Aufstellung wird noch weiter überarbeitet! Hinweise bitte an den Admin, einen Mod oder direkt an vatas-sohn
Grüße! :cap:
Ron

Ostseeoporose und Bachflohkrebs sind fast geheilt.
Gegen Coregonitis kann man anscheinend nichts machen...

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rudi09
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Richtiges Verhalten bei Unterkühlung

Dez 2017 28 07:10

Beitrag von rudi09

Hallo Leute,

in Vorbereitung auf meine Erstwasserung habe ich mir natürlich diverse Kenterberichte durchgelesen. Diverse „Gekenterte“ berichteten hier von ihrem subjektiven Erleben der Unterkühlung (die auch objektiv definitiv stattgefunden hat). Dabei viel mir auf, dass vielen gar nicht so klar ist, was richtige und was falsche Maßnahmen sein können bei einer Unterkühlung. Im Internet z.B. bei youtube finden sich viele selbsternannte „Survival Trainer“, die teilweise vom Hören-Sagen, teilweise aus Unwissenheit über physiologische und physikalische Grundlagenkenntnisse, sehr fragwürdige Aussagen dazu treffen.
Deshalb habe ich mich entschlossen, hier mal einen Thread zum Thema „Richtiges Verhalten bei Unterkühlung“ zu erstellen, basierend auf meiner Berufsausbildung und Einsatzerfahrung im Rettungsdienst und meines derzeitigen Medizinstudiums. Ich werde absichtlich versuchen ein paar Grundlagen halbwegs in Nicht-Fachsprache zu erklären, dann ergibt sich der Rest eigentlich schon von selbst.

Die Körperkerntemperatur

Unser Körper ist immer darauf bedacht den Körperkern auf einer gleichbleibenden Temperatur zu halten. Genauer gesagt zwischen 36,4°C und 37 °C. Nur dann können die Organe wie gewohnt ihre Arbeit verrichten. Schon relativ „kleine“ Temperaturunterschiede von 0,1°C werden wahrgenommen und regluiert. Denn wie wir alle wissen, braucht es nur ein paar Grad Abweichung im Körperkern und schon sind wir in einer lebensgefährlichen Situation.

Eine wichtige Rolle bei der Temperaturregulierung spielen folgende Faktoren:

- Das Blut
- Die Haut (und deren blutführenden Gefäße)
- der Schweiß
- unsere Muskeln

Um die Temperatur immer mehr oder weniger gleich zu halten, hat der Körper verschiedene Mechanismen entwickelt. Grundsätzlich wird die Wärme vom wärmeren Körperkern (hier wird die Wärme im Normalzustand durch „Arbeit“ der Organe erzeugt) durch das Blut nach außen getragen, dort wo es kälter ist. Auch hier sollen ja Muskeln und Co. ordentlich warm gehalten werden.

Die Haut hat die wichtige Funktion als Isolationsschicht zu arbeiten. Da es um uns herum in der Regel immer kälter ist als wir selbst, wird von unserem Körper immer Wärme nach außen hin, der „Kälte“ folgend, abgegeben.
Um das regulieren zu können, ist die Haut extrem gut durchblutet. Unser Körper kann, entsprechend der Situation, die Blutgefäße in der Haut weit und eng stellen.

Ist uns zu heiß, stellt er die Blutgefäße weit und es fließt mehr warmes Blut durch, weshalb so mehr Wärme nach außen abgegeben werden kann, um uns schneller runter zu kühlen.

Außerdem fangen wir auch an Schweiß zu produzieren. Das ist sehr wichtig und hilft uns später auch besser die Unterkühlung zu verstehen. Denn die optimalste Form von allen, Wärme abzugeben, ist das Schwitzen. Um uns herum ist nämlich „nur“ kalte Luft. Die nimmt gerne die Körperwärme auf, aber viel besser leitet Wasser (also unser Schweiß) die Wärme aus unserem Körper ab. Und „viel besser“ heißt:
Wasser leitet die Wärme 200 mal besser weg von unserem Körper, als die Umgebungsluft.

An diesem Punkt ist klar, warum wir nach der Sauna im Winter bei -5°C Umgebungstemperatur (Luft) ruhig 10 Minuten nackig durch den Schnee rennen können, ohne zu unterkühlen. Fallen wir aber in kaltes Wasser, welches ja die Wärme 200 mal schneller entzieht, kriegen wir ziemlich schnell ein sehr großes Problem.
(Es gibt natürlich noch mehrere weitere Mechanismen wie Wärmestrahlung, Windchillfaktor, etc. die ihren Teil dazu beisteuern, aber das würde jetzt zu weit gehen und außerdem ist das Wasser/Schweiß das Elementare)

Im Wasser fangen wir also an, extrem schnell Körperwärme (vom Körperkern) nach außen abzugeben. Wir Unterkühlen.

Die Unterkühlung


Als Unterkühlung wird ein Absinken der Körperkerntemperatur um unter 36°C bezeichnet. Der häufigste Messort ist unter den Achseln. Wichtig zu wissen ist, dass hier die Temperatur ca. 0,5-1,0 °C kälter ist, als im Körperkern. Die also immer raufaddieren beim Messen!
Die Unterkühlung ist definitiv der Hauptfeind des Wassersportlers. Sie führt ohne Wärmeerhalt und Schutz zur Ermüdung, später zu Schwäche, Muskelkrämpfen und Bewusstseinseintrübung bis zum Tod. Im Falle einer gekenterten Person mit hoher Sicherheit im Verlauf zum Ertrinken. Oder zum Verlegen der Atemwege und Ersticken, sowie Herzstillstand.

Es gibt verschiedene Stadien, je nach Tiefe des Absinkens der Körperkerntemperatur mit entsprechend ausgeprägter Symptomatik.
Ich denke diese Stadien genau zu benennen und einzuteilen würde den Rahmen sprechen, wer sich dafür interessiert, kann es gerne googeln.
Viel wichtiger für den praktischen Umgang ist die grobe Unterscheidung zwischen: einer leichten und einer schweren Unterkühlung.

Die leichte Unterkühlung

Was passiert eigentlich wenn wir Unterkühlen? Wie der Körper reagiert, wenn uns zu heiß wird, ist ja nun geklärt, aber was passiert, wenn wir plötzlich anfangen auszukühlen?

Die schon angesprochene Haut mit den vielen Blutgefäßen sorgt nun dafür, dass diese sich zusammen ziehen, wenn uns kalt wird. Jetzt kann weniger warmes Blut durchfließen und so Wärme nach außen abgegeben werden. Wollen wir ja auch nicht, uns ist ja schließlich kalt. Deshalb wird unsere Haut dann auch sehr blass und wir haben keine schönen roten Bäckchen mehr und rote Lippen, da alle kleinen Gefäße ganz eng gestellt sind und das rote Blut, welches teilweise unsere Hautfarbe ausmacht, nun viel weniger durchfließt.

Auch unsere Haare auf der Haut stellen sich auf um dazwischen eine Isolationsschicht aus Luft herzustellen, aber all das reicht nicht aus: Wir fangen an zu zittern!

Warum zittern wir eigentlich wenn uns kalt wird? Weil der Körper merkt, dass er durch seine bisherigen Isolationsmaßnahmen alleine, seine Körperkerntemperatur nicht aufrechterhalten kann.

Immer wenn wir unsere Muskeln bewegen, zum Beispiel um auf unserer Tastatur einen Post im Kajak-Angelforum zu schreiben, verbrauchen wir, von der Energie die wir dafür benötigen, nur 25% für die eigentliche Bewegung. 75% werden dabei immer als Wärmeenergie verbraten. Sehr ineffizient eigentlich, aber genau das macht sich jetzt der Körper zu nutze. Schnelles zittern, aber wenig Bewegung dabei, heißt sehr viel Wärmeproduktion. Da die im normalen Zustand vom Körperkern produzierte Wärme nicht ausreicht, müssen jetzt also die Muskeln mithelfen.

Und genauso kennen wir es auch wenn wir frieren. Also wenn unser Körper merkt, dass der Körperkern anfängt kälter zu werden: wir kriegen Gänsehaut, werden blass und fangen an zu zittern und uns zu bewegen, um aktiv Wärme zu produzieren.

Hier sind wir in einem Bereich von 34.0°-36°C Körperkerntemperatur. Also bis 2°C unter normal. Das ist das sogenannte „Abwehrstadium“. Der Körper arbeitet aktiv gegen die Unterkühlung an. Wenn es extremer wird fangen wir an schneller zu atmen, der Herzschlag erhöht sich und wir sind extrem aufgeregt. Alarmzustand! Alles arbeitet aktiv gegen die Unterkühlung und wir fangen an zu zittern. Aber: Wir haben hier noch keine Bewusstseinseintrübung oder Muskelschwäche. Wir befinden uns also im Bereich der „leichten Unterkühlung“.

Hier ist es wichtig sich der kalten Situation zu entziehen (Rettung ins Kajak), für den Wärmeerhalt zu sorgen (Rettungsdecke -> TWIX-Prinzip (die Süßigkeit) -> Außen Gold, innen Silber), sich warme Flüssigkeit zuzuführen (immer warmen, gesüßten Tee mitnehmen) und Zucker (gesüßter Tee), denn das Muskelzittern kostet total viel Energie und um die schnell wieder aufzufüllen, ist Zucker das Beste. Ab ins Auto, Heizung an, heiß duschen, sich trockene Sachen anziehen (Wasser leitet ja die Wärme wie wir wissen) sind alles Dinge, die wir gerne tun können und sollen. Da kommen wir auch in keine Lebensgefahr, auch wenn unsere Schmerz- und Temperaturrezeptoren uns vorgaukeln man wäre kurz vor dem Ende. Sie hängen zusammen und erzeugen so teilweise paradox wirkende Eindrücke in unserem Hirn. Zum Beispiel: Ein Pfefferspray auf Raumtemperatur (!) erzeugt nicht nur das Gefühl von starken Schmerzen (Capsaicin-Rezeptoren), sondern auch von extremer Hitze auf der Haut.

Die schwere Unterkühlung

Wir schaffen es nicht ins Kajak und irgendwann hat der Körper unsere Energiereserven aufgebraucht. Wir können nicht mehr zittern und die Körpertemperatur sinkt immer weiter (unter 34 °C). Jetzt kommen wir ins „Erschöpfungsstadium“. Unsere Muskeln beginnen zu schwächeln, der Schmerz in den Extremitäten hört auf, unser Herz fängt an langsamer zu schlagen und wir werden immer schwächer. Unser Bewusstsein trübt ein. Irgendwann nehmen wir die Kälte nicht mehr war, wir denken es ist mega heiß und wollen uns ausziehen, gleichzeitig werden wir immer müder und dann Bewusstlos. Am Ende das Herz wird arrhythmisch und der Blutdruck sinkt. Es kommt zum Herzstillstand und zum Atemstillstand.
Diese Phase ist extrem kritisch. Hier hat der Körper schlicht einfach keine Kraft mehr und gibt auf. Wird jetzt eine unterkühlte Person gerettet, ist Sie wirklich extrem unterkühlt. Im Körperkern ist es trotzdem immer noch ein bisschen wärmer als in den Armen und Beinen. Wir diese Person jetzt stark bewegt, kann das kalte Blut von außen in den Körperkern fließen und zu einem Herzstillstand führen. Der sogenannte „Bergungstod“ muss unbedingt vermieden werden.
Hier kann nur noch durch professionelle Hilfe (externe und interne Wiedererwärmung) überlebt werden. Es ist also am wichtigsten, diese sofort zu alarmieren!



Zusammenfassung:

Die Unterkühlung ist immer ein lebensbedrohlicher Zustand.

Für euch als Helfer ist wichtig zu unterscheiden:

1. Leichte Unterkühlung:

Redet die Person (normal) mit mir? Kann Sie alleine laufen? Zittert Sie noch?

-> ab in die Wärme und für Wärmeerhalt sorgen
-> nasse Sachen ausziehen und Rettungsdecke rumwickeln (in jedem Verbandskasten, in jedem Auto)
-> heiße Getränke und Zucker geben (kein Alk, kein Kaffee, kein schwarzer Tee)
-> vorsichtige Wiedererwärmung
-> im Zweifel (!) jedoch immer: 112!


2. Schwere Unterkühlung:

Redet die Person nicht mehr (normal) mit mir? Müdigkeit? Verwirrtheit? Bewusstseinseingetrübt? Kann sie nicht mehr alleine Laufen weil zu erschöpft? Zittert Sie nicht mehr, weil schon im Erschöpfungsstadium:

Worst Case:

Person ist Bewusstlos (->reagiert nicht auf ansprechen und anfassen):
Kopf überstrecken! Atmung kontrollieren! (->10 Sekunden, Sehen ob Bauch/Brust sich hebt bei Einatmung, Hören und Fühlen über Mund und Nase)

Wenn Atmung: Stabile Seitenlage und 112

Wenn keine Atmung: Erst 112, dann Herz-Lungen-Wiederbelebung 30:2 (am Telefon gibt euch die Leitstelle Anweisungen)

Wenn bei Bewusstsein (Person reagiert auf dich irgendwie):
-> 112!
-> wenig bewegen (nicht drehen, nicht warmrubbeln)
-> sehr vorsichtig entkleiden mit Schere (Arme und Beine nicht bewegen)
-> Wärmeerhalt: Rettungsdeck rum, aber sehr vorsichtig!
-> nichts zu trinken geben


Neben der gleich folgenden Anleitung fürs Kentern noch ein paar Ideen:

- Wasserdichtes Handy mit Auftriebskörper und der App „SafeTrx“
- eine genaue Ortsbeschreibung ist für die Rettungskräfte oft hilfreich und kann Minuten sparen -> Leben retten
- alle weiteren Sicherheitshinweise hier im Forum beachten! Wie ihr aus den Kenterberichten entnehmen könnt, sind es oft „Fehler“ die man hätte vermeiden können -> Stichwort regelmäßige Einstiegsübungen
- ich persönlich glaube, auch wenn ich mich da sehr weit aus dem Fenster lehne: Der beste Schutz ist es, nicht alleine unterwegs zu sein. In vielen dieser Situationen haben andere helfen können und schlimmeres verhindert. Und sei es nur durch Wählen des Notrufs

Auf Wikipedia gibt es eine gute Anleitung zum Verhalten, wenn ihr gekentert seid. Ich habe Sie hier einfach reinkopiert. Ich denke mit dem vorherigen Grundlagenwissen, sind euch nun die einzelnen Schritte und die Gründe dafür einleuchtend:

Selbstrettungsmöglichkeit (1-10-1-Prinzip)

Ausgehend von den Erkenntnissen zum Kälteschock wurde durch Giesbrecht et al. die Merkregel „1-10-1“ formuliert. Nach dem unfreiwilligen Eintauchen in kaltes Wasser, selbst im Eiswasser, bestehen gute Überlebenschancen, folgt man diesem Prinzip:

„1 Minute:“
• Wenn Du ins Wasser gefallen bist, wirst Du für etwa eine Minute hyperventilieren.
• Nutze die Zeit, um die Atmung zu kontrollieren, und halte Deinen Kopf über Wasser.
• Keine Panik – Es hilft zu wissen, dass sich die Atmung wieder beruhigt.
• Nimm Deine Umgebung wahr und plane die nächsten Schritte.

„10 Minuten:“
• Als nächstes wirst Du etwa zehn Minuten nutzbarer Mobilität und Kraft haben.
• Nutze diese Chance, um alle Handlungen zu Deiner Selbstrettung durchzuführen.
• Aber versuche nicht, größere Strecken zu schwimmen. Selbst wenn noch Kräfte vorhanden sind, wirst Du nicht in der Lage sein, komplexe Handlungen durchzuführen.
• Wenn möglich, reduziere den Wärmeverlust, indem Du Dich auf Dein Boot ziehst.
• Auch wenn Dir die Kraft fehlt, Dich komplett auf einen schwimmenden Gegenstand zu ziehen, wird jeder Zentimeter außerhalb des Wassers Deine Überlebenszeit anteilig verlängern.
• Solltest Du keine Schwimmweste tragen, sichere Dich so, dass Deine Atemwege freibleiben, falls Du bewusstlos wirst. Verlasse Dich nicht auf das Festhalten.

„1 Stunde:“
• Hast Du bis jetzt überlebt, kannst Du mit etwa einer Stunde nutzbarem Bewusstsein rechnen.
• Konntest Du noch keine Selbstrettung durchführen, nimm eine wärmehaltende Körperposition ein.
• Falls Du noch schwimmen könntest, werden Deine Schwimmbewegungen nichts nützen und die Bewegungen werden Dich weiter auskühlen.
• Trägst Du eine Weste, lebst Du wahrscheinlich lange genug, um an der Unterkühlung zu sterben, falls keine Hilfe Dritter eintrifft.
Auf jeden Fall hast Du die Zeit bis zur Rettung entscheidend erweitert.


Ich hoffe dieser Thread ist hilfreich. Bei Fragen, Anregungen, Kritik -> schreibt mir ruhig!

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